WER WIR SIND & WAS WIR WOLLEN

Wir sind Sozialisten. Das heißt, dass wir den Kapitalismus und all seine Institutionen durch eine Revolution zerschlagen wollen, um eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen. Wir als sozialistische Basisgruppe sind ein Teil dieses Kampfes.

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Diskussionsbeitrag zum Umgang mit Gewalt gegen Frauen (in linken Strukturen)…

Written by Rote Aktion Berlin on . Posted in Antikapitalismus, Bundesweit, Frauenkampf

…aus einer klassenkämpferischen und revolutionären Frauenperspektive

Wieso und wozu ein Diskussionsbeitrag?

Dieser Diskussionsbeitrag soll ein Teil einer kontinuierlichen Theorie-Arbeit zur klassenkämpferischen und revolutionären Perspektive auf die Frauenfrage und insbesondere ihre Umsetzung in die Praxis sein. Wieso halten wir gerade dieses Thema für so bedeutsam, dass wir dazu etwas schreiben? Zum Einen weil es einfach sonst niemand tut und weil wir mittlerweile genug haben von der dauernden Nicht-Beachtung oder sehr oberflächlichen Behandlung dieses Themas. Zum Anderen, weil wir der Ansicht sind, dass die revolutionäre Frauenarbeit ein notwendiger Schritt ist auf dem Weg zur befreiten Gesellschaft, und diese Arbeit auch heute schon bemerkenswerte Früchte trägt, wenn sie einmal richtig begonnen wurde. Denn: Frauen die kämpfen, sind Frauen die leben. Und revolutionäre Frauen lassen sich nicht so leicht klein kriegen, wenn sie einmal angefangen haben zu kämpfen.

Wir sind gespannt auf Rückmeldungen, Kritiken und Diskussionsbeiträge anderer Gruppen. Unser erster Beitrag soll speziell zum Thema Umgang mit Gewalt gegen Frauen sein und hier sowohl einige theoretische Aspekte und Thesen vorstellen, als auch Vorschläge zum Umgang damit beinhalten. Da sich die Frage der Gewalt gegen Frauen und ihres Kampfes dagegen nicht einfach trennen lässt von einer allgemeinen Herangehensweise an die Frauenfrage, kommt es an einigen Stellen zu allgemeineren Einleitungen und Vorschlägen, die unsere Sicht auf dieses Thema so knapp wie möglich darstellen sollen. Wir halten es für höchste Zeit, dass sich die revolutionäre Bewegung umfassend mit diesen Themen auseinander setzt, Positionen entwickelt und sich den unbequemen Fragen stellt. Wir halten es für unhaltbar, dass sich immer noch Teile der linken Bewegung das Recht heraus nehmen, dieses Thema maximal am 8.März anzuschneiden, oder aber mehr oder weniger traurig festzustellen, dass die Massen an jungen Frauen der eigenen Gruppe im Allgemeinen eher fernbleiben und dieses Problem dann aber nicht auf sich, sondern allein auf die Frauen beziehen.

Wieso als erstes ein Beitrag zum Thema Gewalt gegen Frauen? Als Organisation und in ihr organisierte Einzelpersonen durften wir leider schon verschiedene Erfahrungen mit patriarchaler Unterdrückung von und Gewalt gegen Frauen und dem (Nicht-) Umgang damit aus der revolutionären Bewegung damit machen. Insbesondere aufgrund des konkreten Umgangs innerhalb der linken Bewegung mit Betroffenen sexualisierter Gewalt in mehreren Fällen sahen wir die Notwendigkeit, uns intensiver mit diesem Thema auseinander zu setzen und Denk- und Diskussionsprozesse anzustoßen. Wir stellten in der Vergangenheit Verschiedenes fest, was uns sehr wütend macht und gleichzeitig besorgt um die Richtung, in die sich eine revolutionäre Bewegung in Deutschland entwickelt. Wir wollen kritisch und selbstkritisch mit uns und unseren Eindrücken umgehen, und konstruktiv einige Vorschläge zum Umgang mit Sexismus, insbesondere patriarchaler Gewalt, innerhalb unserer Strukturen und der linken Bewegung machen. Wir wollen hierzu einige Thesen und Vorschläge öffentlich zur Diskussion stellen; wir wissen dabei sehr gut, dass wir nicht abschließend den besten Weg gefunden haben und befinden uns selber weiterhin in einem Diskussions- und Erfahrungsprozess. Diesen wollen wir gerne ergänzen und uns selber kritisch reflektieren durch Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge anderer Strukturen.

Um es vorweg zu nehmen: wir werden hier nicht die Art von Diskussion anstoßen, wie sie oftmals in linken Räumen fälschlich geführt wird (über Definitionsmachtkonzepte, oder nach dem Motto „Alle Männer sind Täter“). Genauso wenig wollen wir zulassen, dass sich Teile der linken Bewegung diese falsch geführten Diskussionen als Rechtfertigung zurechtlegen, sich gar nicht mit dem Thema auseinander zu setzen und die Frage der konkreten Frauenbefreiung von sich abzustoßen. Um das Problem endlich mal anzugreifen, müssen wir einen revolutionären und umsetzbaren Konsens bezüglich Sexismus und Antisexismus finden. Es wird Zeit, dass wir uns realistisch, ungeschönt und selbstkritisch mit unserem eigenen Verhalten auseinander setzen und uns wirklich verändern. Das ist für uns nicht optional, sondern eine absolute Notwendigkeit, um der Revolution einige Schritte näher zu kommen, denn nicht umsonst heißt es: Ohne Befreiung der Arbeiterklasse keine Frauenbefreiung – aber ohne Frauenbefreiung keine Befreiung der Arbeiterklasse. Wenn wir weiterhin in unserer politischen Arbeit die Hälfte der Arbeiterklasse mit ihren besonderen Bedürfnissen einfach ausblenden, ihre doppelte Unterdrückung ignorieren und nicht alle Anstrengung unternehmen, um die unterdrückten Frauen zu aktivieren und zu organisieren werden unsere Phrasen von Befreiung der Unterdrückten und Erkämpfung des Kommunismus genau das bleiben – nämlich Phrasen. Und die Vergangenheit hat gezeigt: spontan und ohne bewusste Auseinandersetzung, Anstrengung und produktiver Veränderung unseres Verhaltens durch Kritik und Selbstkritik wird das nicht funktionieren.

Das kapitalistische System erhält sich unter anderen durch eine ganz bestimmte, in seinem Sinne funktionierende Sozialisation, Erziehung und Bildung der Menschen. Auch wir als Teil der revolutionären Bewegung sind davon nicht frei, uns letztlich genauso zu verhalten, wie wir es in der kapitalistischen Erziehung beigebracht bekommen haben. Gerade im Bezug auf die Frage, wie wir Frauen behandeln und bewerten, gibt es bislang wenig Auseinandersetzung mit der aktuellen Herangehensweise als diejenigen Menschen, die die neue Gesellschaft aufbauen wollen. Dementsprechend kann es keine Option sein, das Thema zu ignorieren. Auch wenn das jetzt hart und vielleicht für einige unverständlich klingt: Wer weiterhin ignoriert, somit schweigend zustimmt, und sich nicht positioniert und die Frauenarbeit revolutionär entwickelt, kann es auch gleich bleiben lassen, sich als Revolutionär zu bezeichnen. Wir appellieren deshalb an alle Revolutionäre: man kann sich der Frauenfrage gegenüber nicht passiv verhalten. Und wer selber zum unterdrückenden Geschlecht gehört (ob er das jetzt subjektiv will oder nicht, spielt dabei keine Rolle), kann, solange diese Unterdrückung anhält, selber nicht frei sein.

 

Einige Thesen über Kapitalismus und Patriarchat…

Um unsere allgemeinen Anschauungen zur Frauenfrage aus einer klassenkämpferischen und revolutionären Perspektive weiter ausgeführt zu bekommen, empfehlen wir verschiedene von uns dazu bereits heraus gebrachte Texte (beispielsweise unsere Broschüre „Die Frauenfrage ist eine Klassenfrage“), oder, sich an die Klassiker zu halten (Werke von Clara Zetkin, Lenin und August Bebel behandeln umfassend die Frauenfrage).

Um es kurz und klar zu formulieren: wir sehen die Frage der Befreiung der Frau als eine Aufgabe, die zwar komplett erst mit Auflösung der Klassen erreicht werden kann, die aber ab jetzt (und eigentlich seit gestern…) von uns Revolutionären angegangen werden muss. Wir träumen nicht von einer Befreiung der doppelt ausgebeuteten und unterdrückten Frau im Kapitalismus. Ihre Unterdrückung steht im Zusammenhang mit der Existenz der Klassengesellschaft und entstand durch diese – aber wir verschieben das „unliebsame Problem“ auch nicht auf nach der Revolution. Zwar sind die ökonomischen Grundlagen der Befreiung der Frau erst mit der Aneignung der Produktionsmittel durch die Arbeiterklasse gegeben und dann muss die Frage der Frauenbefreiung verstärkt auf einer anderen Grundlage als heute angegangen werden. Es wird aber gar keine erfolgreiche Revolution geben, wenn sich die Frauen nicht als ein integraler Bestandteil davon heute erheben und rebellieren

Auch wenn wir sehr intensive Kritik an unseren männlichen Genossen und ihrem Verhalten haben (im Übrigen: auch mit unserem anerzogenen Verhalten als Frauen sind wir nicht zufrieden und gehen Schritte dahin, es grundlegend zu verändern) und diese Kritik auch scharf formuliert werden kann, sehen wir keine unüberbrückbare Kluft zwischen Frauen und Männern. Im Gegenteil: wir wissen, dass wir unsere Befreiung als Teil der Ausgebeuteten und Unterdrückten im gemeinsamen Kampf mit unseren männlichen Genossen und Klassenbrüdern erreichen; wir fordern aber nicht weniger ein, als dass sie das genauso sehen und sich dementsprechend verhalten.

 

Frauenfrage ist eine Klassenfrage
Wir sprechen von einer doppelten Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Frau im Kapitalismus. Frauen aus den ausgebeuteten Klassen sind auf zwei Arten ausgebeutet: sie müssen sich, gleich ihrer Klassenbrüder, dem kapitalistischen Lohnsystem hingeben, um ihre Arbeitskraft an den Kapitalisten zu verkaufen und dafür einen Lohn zu kriegen. Die Bedingungen, zu denen Frauen ihre Arbeitskraft verkaufen, sind zumeist schlechter, als die ihrer Klassenbrüder, was eine ökonomische Abhängigkeit von der Familie oder vom Staat produziert. Zeitgleich lastet die unentgeltliche Reproduktionsarbeit immer noch größtenteils auf den Schultern der Frau (unabhängig davon, ob sie jeden Tag auch noch arbeiten geht oder nicht). Reproduktionsarbeit ist die Arbeit, die zur Wiederherstellung der Arbeitskraft nötig ist (beispielsweise Einkaufen, Kochen…) und zur Aufrechterhaltung der Arbeiterklasse als Ganzes (insbesondere Kindererziehung und Pflege von Alten und Kranken). Der Kapitalismus profitiert von dieser Arbeit. Wir sprechen aber auch von einer doppelten Unterdrückung der Frau im Kapitalismus. Die Frau als Teil der Arbeiterklasse ist als solches unterdrückt, durch die üblichen Methoden der Integration und Repression durch den bürgerlichen Staat und seine Helfershelfer, z.B. in den gelben Gewerkschaften und Parlamentsparteien, wird die Frau als Teil der Arbeiterklasse an dieses System gebunden oder durch die brutale Repression ausgestoßen. Aber auch im Bezug auf die patriarchale Ausbeutung und Unterdrückung der Frau sehen wir spezielle Methoden der Integration (insbesondere bürgerlicher und kleinbürgerlicher Schichten der Frauen wie gerade durch die Diskussion um Frauen in Machtpositionen und als Politikerinnen) und Repression.

Das Patriarchat nutzt verschiedenste Methoden, um sein System aufrechtzuerhalten; neben der Integration und damit freiwilligen Selbstversklavung, auch Profitierung von diesem Unterdrückersystem bestimmter Teile der Frauen, eine offensiv propagierte alleinige Bindung an die kleinbürgerliche Familie und krasse ideologische Verdummung großer Massen der Frauen. Auch die systematische patriarchale Gewalt gegen Frauen ist ein diesem System innewohnendes zentrales Mittel der Unterdrückung.

Es gibt dabei verschiedene Arten von Gewalt gegen Frauen. Eine Form von Gewalt gegen Frauen ist eine aus der ideologischen Beeinflussung stammende und in psychische Gewalt umschlagende Form, beispielsweise durch die Konstruktion von krankhaften Bildern von „weiblicher Schönheit“, mit der wir täglich zugeballert werden, aber auch durch eine Konstruktion von „weiblichem Verhalten“, das uns in bestimmte Muster zwängt und uns bestimmte Erwartungen auferlegt. Eine der Hauptformen von patriarchaler Gewalt, die fast jede von uns bereits erleben durfte und täglich erlebt, ist eine von Männern ausgeübte Gewalt gegen Frauen: in Beziehungen, in der Familie, auf der Straße. Auch hier hat die konkrete erlebte Gewalt verschiedene Formen: „Fertig machen“, Bedrohung, Einschüchterung, Isolation und andere Formen psychischer Gewalt; Schlagen, Schubsen, Treten, und andere Formen körperlicher Gewalt; Belästigung, zum Geschlechtsverkehr oder bestimmten Sex-Praktiken „überreden“, Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt. All dies erleben Frauen auch heute noch regelmäßig, täglich und multipel. Die angewandte Gewalt ist ein Mittel der Machtausübung, Interessensdurchsetzung und Herrschaftssicherung des Mannes über die Frau. Durch diese Unterdückungsformen wird das Patriarchat als System von Ausbeutung und Unterdrückung aufrecht erhalten und reproduziert – ob das den Gewaltausübenden bewusst ist oder nicht, ist dabei egal. Fakt ist: ohne Gewalt kann das Patriarchat nicht aufrecht erhalten werden.

Der bürgerlicher Staat und seine Institutionen propagiert die Notwendigkeit von Gewaltfreiheit (der Staat habe natürlich das Gewaltmonopol), aber unsere Gesellschaft ist nicht gewaltfrei und die am meisten unterdrückten Teile der Gesellschaft kriegen auch den meisten Dreck ab. Gewalt gegen Frauen ist ein seit Jahrhunderten existierendes Phänomen und Normalzustand. Dabei wird gleichzeitig die Gewalt von Männern und Frauen gesellschaftlich unterschiedlich bewertet und sanktioniert. In der öffentlichen Wahrnehmung gehören Männer und Gewalt irgendwie zusammen, während Frauen sich von Gewalt fernzuhalten haben (so eine Erziehung fängt bereits im Kindesalter an und zieht sich durch alle Bereiche des Lebens). Beziehen Frauen doch gewalttätige Mittel, werden sie schnell als „unnormal“ behandelt, ihnen wird Hysterie oder krankhaftes Verhalten unterstellt. Gewalt ist in unserer Gesellschaft eben Männersache.

 

…und Schlussfolgerungen für uns als revolutionäre Bewegung

Obwohl uns eigentlich dieser normalisierte Gewaltzustand, in dem wir uns befinden, täglich schockieren und empören müsste, stehen die meisten Menschen diesem mit Gleichgültigkeit oder Ohnmacht gegenüber. Wir müssen unsere Gleichgültigkeit und Ohnmacht abwerfen und unsere Haltung gegenüber des normalisierten Gewaltzustandes verändern. Ohne eine konsequente und dauerhafte Veränderung unseres Verhaltens und unseres Auftretens gegenüber der täglichen Gewalt, wird sich diese Spirale ewig weiter drehen. Als Revolutionäre ist es unsere Aufgabe, schonungslos und direkt jegliche Gewalt, jeglichen Angriff gegen jede Frau, sowie ihre direkten und indirekten Unterstützer zu benennen und zu bekämpfen – auch in den eigenen Reihen. Jede Gewaltausübung gegen jede Frau muss für uns ein schmerzhafter Einschnitt sein, den es zu bekämpfen gilt. Gerade im Kampf gegen patriarchale Gewalt in allen Ausprägungen ist unsere stärkste Waffe die Frauensolidarität. Jeder individuelle Gewaltakt muss von uns als kollektiver Angriff verstanden und dementsprechend beantwortet werden; als Frauenkollektiv müssen wir den Schmerz jeder einzelnen Frau als Kampfansage begreifen.

Auch innerhalb der sich selbst als revolutionär oder emanzipatorisch begreifenden Bewegung ist Gewalt gegen Frauen, bis hin zur körperlichen und sexualisierten Gewalt, an der Tagesordnung. Es werden auch zu oft die Augen vor der Realität, der Frauen ausgesetzt sind, verschlossen und keine Maßnahmen zur Veränderung der Situation von Frauen ernsthaft eingeleitet. Nicht zuletzt müssen sich revolutionäre, emanzipatorische Gruppen einige unbequeme Fragen gefallen lassen: wieso finden sich im Allgemeinen Männer in diesen Gruppen und Organisationen besser ein und bleiben länger darin? In welchem Zusammenhang stehen eine häufig in der linken Szene anzufindende Männerbündelei und reaktionäre Männersolidarität innerhalb dieser Gruppen zur gegen Frauen angewendeten Gewalt bzw. ihrer (Nicht-)Thematisierung? Welche Rolle spielen hierbei zum Beispiel eine unreflektierte Gewaltaffinität, individuelle Macht und Durchsetzungsfähigkeit und „Mackertum“, das als Machtfaktor und zur Selbstbehauptung genutzt wird? Gibt es überhaupt ein solches Bewusstsein, dass viele Verhaltensweisen in Gruppen und Organisationen patriarchales Verhalten inklusive der Gewaltanwendung gegen Frauen fördert, und dass Frauen in solchen Gruppen einen schweren Stand haben? Kann eine solche revolutionäre Linke ernsthafte Schritte auf dem Weg zur Befreiung der gesamten Gesellschaft gehen?

Frauen, die von Gewalterfahrungen berichten, werden im besten Fall noch bemitleidet (natürlich ist es eine schwere Aufgabe, aus einer solchen Erfahrung Kampfkraft zu erzeugen; nichtsdestotrotz ist es absolut nötig, ein solidarisches und aufmerksames Umfeld zu schaffen, die diese extrem gefährdenden Erfahrungen in Kampfwillen umwandeln kann) – außer sie prangern Gewalt an, die sie aus der eigenen Gruppe oder Szene erfahren haben. Ihnen wird schnell ein Gefühl von „selbst Schuld sein“, Ohnmacht und „Nestbeschmutzung“ gegeben, da sie Unordnung und Disharmonie in die vermeintlich saubere und harmonische Gruppe / Szene bringen. Jedoch zwingen sie dadurch alle, sowohl Frauen als auch Männer, dazu, sich zu positionieren und eventuell auch Kontakte zu bestimmten Bekannten und eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu verändern. Das ist aber anstrengend und unbequem – die einfachere Variante ist es dann doch, die Betroffene auf offene oder subtilere Art und Weise auszugrenzen.

Wir müssen aber anfangen zu verstehen: wenn wir Frauen, die von Gewalt auf die ein oder andere Art und Weise betroffen sind – was auf einen Großteil der Frauen eben zutrifft – weiter behandeln, als gäbe es das Problem nicht, oder als seien sie das Problem, dann wird die revolutionäre Bewegung ihre Frauenbasis nie vergrößern. Damit hätte sich der Plan mit der Befreiung der Menschheit platt gesagt auch erledigt.

 

Einige konkrete Vorschläge
Die Hauptsache in der Frauenarbeit muss es sein, dass sich die Frauen stärken, individuell und als Kollektiv und selber am meisten an sich arbeiten, unabhängig davon, ob sich die Männer ihrer Gruppe daran beteiligen oder nicht. Nur selbstbewusste, initiative und starke Frauen können die Befreiung der Frau voran treiben und organisieren – gerade die Frauen haben das Potential und die Aufgabe, sich zu verändern, ihr anerzogenes Verhalten zu überwerfen und sich neue Formen des Frauseins anzueignen. Es kann uns dabei nicht darum gehen, schlechte Männer-Abklatsche herzustellen. Den Frauen kommt nicht mehr als die Aufgabe zu, ein revolutionäres Geschlechtsbewusstsein zu entwickeln. Welche Maßnahmen wir dafür treffen können, welche Rolle Männer und Frauen in unseren Strukturen dabei spielen und nicht zu vergessen auch die Frage, wie unsere Frauenmassenarbeit aussehen kann und muss, sind spannende Themen und Fragen, die in Zukunft in anderen Diskussionspapieren behandelt werden sollen. All diese Themen können leider nicht zufriedenstellend an dieser Stelle behandelt werden…

Es geht uns jetzt primär darum, einige Hinweise und Diskussionsansätze zum Umgang mit extrem patriarchalem Verhalten zu entwickeln. Wir möchten zuerst einmal daran appellieren, aufmerksamer zu sein im alltäglichen Zusammenleben und -arbeiten. Gewalt spielt sich meistens im Privaten ab – es ist aber eine hoch politische Sache, die von einer Gruppe aufgenommen und thematisiert werden muss. Um es klar zu sagen: wir bewerten eine politische Gruppe auch nach dem Verhalten jedes einzelnen Gruppenmitglieds. Eine politische Gruppe hat eine Verantwortung für das Verhalten ihrer Mitglieder.

Wie muss unser Umgang sein, wenn wir von solcher Gewalt mit bekommen? Wie müssen wir uns verhalten, wenn wir erfahren, dass einer Frau (ob sie nun eine Genossin aus unserer Gruppe, unserem Umfeld oder befreundeter Gruppen ist, oder eine nicht organisierte Frau, sei mal dahin gestellt und ist letztlich egal!) Gewalt zugefügt wurde? Wie müssen wir uns verhalten, wenn wir erfahren, dass sich in unserer oder einer anderen Struktur ein Täter befindet, und nicht angegangen wird?

Zuerst ist unsere Herangehensweise immer und ohne Ausnahme: parteiisch auf der Seite der Betroffenen stehen. Es ist kein leichter Schritt für eine Betroffene von Gewalt dies anzusprechen, geschweige denn über konkrete Details zu reden. Wir sollten uns im Kopf behalten: es handelt sich hier um traumatisierende und im Zweifelsfall auch lebensbedrohlich wirkende Erfahrungen, die man nicht einfach so wieder aufwärmen kann. Es kann also sein, dass ein Teil der Gruppe gar nicht genau zu hören bekommt, was denn so passiert ist. Nichtsdestotrotz müssen wir das Vertrauen zu Betroffenen entwickeln, dass wir auch ohne bürgerliches Verfahren mit dem Verlangen nach glasklarer Beweislage der Betroffenen Glauben schenken und auf ihrer Seite stehen. Es muss, ohne weitere Diskussion, klar sein: Gewalt gegen Frauen ist nicht Bestandteil eines revolutionären, emanzipatorischen Kollektivs und wird es auch nie sein. Eine revolutionäre Gruppe hat die Pflicht, eine Betroffene von patriarchaler Gewalt mit aller Konsequenz zu unterstützen und den Kampf gegen den konkreten Sexismus als politisches Kampffeld zu begreifen. Wie bereits weiter oben im Text schon einmal erwähnt: die stärkste Kraft der Frauen ist die Frauensolidarität und als Kollektiv mit ihrer Gruppe agieren zu können.

Wer Gewalt gegen Frauen ausübt, hat in linken Strukturen nichts zu suchen und gehört ausgeschlossen, und auch ein Pflegen von Kontakten mit diesen Menschen halten wir für ein diskreditierendes Verhalten. Inwiefern sich auf Gewalttäter grundlegend durch einen längeren und schonungslosen Prozess verändern können, steht auf einem anderen Blatt geschrieben und ändert auch erstmal nichts an der primären Herangehensweise. Durch unsere schonungslose und konsequente Benennung von Tätern, ihren direkten und indirekten Unterstützern und der Situation, in der sich die Betroffenen befinden, müssen wir die Problematik verändern, dass sich immer noch tendenziell Frauen aus linken Strukturen zurück ziehen, anstatt dass den Tätern wirklich mal nahe getreten wird. Letztlich müssen wir durch unsere Konsequenz dafür sorgen, dass sich Gewalttäter nicht mehr blicken lassen können in der revolutionären, emanzipatorischen Linken und sich dahin trollen, wo sie hin gehören: ins Feld der Feinde der Unterdrückten. Das bedeutet auch, dass wir die Toleranz von sexistischem Verhalten im Allgemeinen in der linken Bewegung endlich zurück drängen müssen, auch wenn viele abstreiten werden, dass dadurch auch gewalttätiges sexistisches Verhalten gefördert wird. Es ist aber leider so. Ob jemand für mich eine revolutionäre, ernstzunehmende Frau und Genossin ist, oder „Fickpotential“, verändert auch mein Verhalten ihr gegenüber. Den Zusammenhang von einem allgemein abwertendem Verhalten und der Haltung zur Anwendung von Gewalt (bzw. wie wichtig es mir ist, dagegen zu kämpfen) können wir nicht länger ignorieren. Wir sehen also: der Kampf gegen Gewalt an Frauen ist ein umfassender und viel tiefer gehender, als zu sagen „Ja, Vergewaltigung finden wir blöd“.

Wir jedenfalls erhoffen uns in naher Zukunft eine offene, kritische und selbstkritische Diskussion über die Frage des Aufbaus eines antisexistischen Konsenses in der revolutionären Bewegung; nur durch eine solche Diskussion werden wir als Kollektiv weiter kommen und die Probleme, vor denen wir stehen, angehen können. Nur durch eine Diskussion und eine Haltung, die offen für Veränderung ist und solche auch vollzieht, können wir als Revolutionäre ein Vorbild sein für die Massen, die wir gerne im revolutionären Kampf sehen wollen.
Rote Aktion, November 2015

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